Der Besitz einer Schreibmaschine war eine notwendige, aber keineswegs hinreichende Voraussetzung, um einen Bestseller zu schreiben. Doch die Schreibmaschine erlöste uns von den Mühen der handgeschriebenen Fassung, die wir auch heute noch in Anlehnung an eine längst vergangene Zeit „Manuskript“ nennen. Auch mit dem Textverarbeitungssystem am Computer kommt man dem Bestseller keinen entscheidenden Schritt näher, aber es erleichtert das Korrigieren, Umschreiben, Ergänzen. Und auch mit KI-Systemen auf der Basis großer Sprachmodelle erhalten wir längst keine Garantie für einen Bestseller, aber sie nehmen uns die Mühen des Erstentwurfs ab. Für den Bestseller braucht es immer noch wahlweise das Genie oder zumindest ein Gespür für den Zeitgeist.
Dem IT-Pionier und jetzigen IBM Fellow Grady Booch verdanken wir die Einsicht: „A Fool with a Tool is still a Fool!“ Will sagen: Nicht das Werkzeug macht den Meister, sondern sein versierter Gebrauch. Das gilt in besonderem Maße für die Nutzung der KI-Systeme, wie sie derzeit in Form von generativer KI die Büros und Amtsstuben erobern. Auch wenn Sprachassistenten wie ChatGPT auf Milliarden Parametern und Petabytes an Internet-Content zurückgreifen – ein Narr wird aus ihnen nur Närrisches herauslocken. Das gilt für Texte ebenso wie für Bilder – auch wenn auf den ersten Blick ein „KI-nstlich“ erzeugtes Bild zunächst frappierend auf uns wirkt: Nach einem Dutzend auf diese Weise kreierter Bilder erkennt man ihre Beliebigkeit.
Heutige KI-Systeme sind uns um Längen voraus, wenn es darum geht, Routinen zu steuern, Bekanntes wiederzukäuen, Dinge zu finden und Muster zu erkennen – aber es bedarf weiterhin der menschlichen Intuition und Intelligenz. Deshalb sind alle wertschöpfenden Tätigkeiten weitgehend davor geschützt, durch künstliche Intelligenz abgelöst zu werden. Im Gegenteil erfahren sie eine Bereicherung, weil nervtötende Bürokratie-Aufwände automatisiert werden können. Doch so wie der Email-Service den Büroboten überflüssig gemacht hat, werden KI-Systeme die „Knöpfchensortierer“ im Controlling und Management ablösen.
Egal ob im Betrieb mit Kolleginnen und Kollegen oder firmenübergreifend mit Lieferanten und Kunden: wer die Kommunikation ausschließlich einem Sprachassistenten anvertraut, wird ins Mittelmaß absinken. Verbesserungen gibt es nur dort, wo die Qualität auch vorher schon schlecht war. Das lässt sich bedauerlicherweise in der Verwaltungsarbeit und insbesondere im Bildungsbereich beobachten. Immerhin: die heute schlecht funktionierenden Prozesse in den Behörden werden durch KI sichtlich beschleunigt. Schülerinnen und Schüler, die ihre Arbeiten mit Hilfe von ChatGPT erledigen, werden besser, weil sie mit KI ihr Lernniveau individuell anpassen können und nicht im Frontalunterricht untergehen.
Deshalb: Seid keine Narren! Sprachassistenten animieren zur Faulheit. Es ist angenehm, ein komplexes Besprechungsprotokoll mal eben von einem „KI-Piloten“ erstellen zu lassen. Es ist verführerisch, einen komplizierten Text von einem Chatbot zusammenfassen zu lassen, statt ihn selbst zu lesen. Es spart Zeit und Geld, einige Routinen eines Computerprogramms durch KI erstellen zu lassen – aber die Innovation der Software kann nur vom menschlichen Entwickler kommen. Oder auf eine kurze Formel gebracht: Zehn Prozent einer Tätigkeit sind Inspiration, der Rest ist Transpiration. Wenn wir diese 90 Prozent der KI überlassen, ist viel gewonnen.
Dazu ist es notwendig, dass jeder und jede in jeder Organisation persönliche Erfahrung mit künstlicher Intelligenz sammelt. Die Angst, sich selbst überflüssig zu machen, ist ebenso unangebracht wie die Euphorie, künftig alles automatisieren zu können. Aber genau an diesem Schwarz-Weiß-Denken krankt offensichtlich die Einführung von KI in vielen Organisationen. Die einen wollen ihre Arbeitsergebnisse mit KI-Unterstützung verbessern, die anderen befürchten, dass sie sich wegen KI verbessern müssen, um nicht abgelöst zu werden. Die einen fürchten den Verlust von Herrschaftswissen, die anderen wollen gar nicht aus ihrem Mittelmaß heraus. Wir alle kennen solche Mitarbeiter.
Es dürfte eine der herausforderndsten Managementaufgaben der nächsten Zeit sein, die eigene Belegschaft an den Umgang mit generativer KI heranzuführen. Der größte Fehler dabei ist, überbordende Erwartungen zu schüren. Sprachassistenten erzeugen keinen Sinn, sie geben lediglich das Wahrscheinlichste wieder und stehen dabei auf den Schultern derer, die vorausgedacht und vorformuliert haben. Wenn lernende Maschinen darauf trainiert werden, eine bestimmte Zielsetzung zu erreichen, dann muss es zunächst Menschen geben, die diese Ziele setzen und den Weg dahin kennen. Dass das mit Aufwand verbunden ist, diese Erfahrung machen derzeit zahlreiche Organisationen. Doch der Lohn ist immens, wenn wiederkehrende Routinen mit KI-Unterstützung automatisiert werden.
KI ist ein Tool, das den Schlauen schlauer und den Schnellen schneller macht. Nur: Es gilt auch der Umkehrschluss. Deshalb seid keine Narren!