Transformation in Trippelschritten
Es ist gerade einmal zwei Jahre her, da saßen führende Microsoft-Executives bei Bill Gates zum Abendessen und probierten die neueste KI-Version des damals der Öffentlichkeit noch völlig unbekannten Startups OpenAI aus. Der Test verlief so überzeugend, dass drei Monate später die erste öffentlich verfügbare Version von ChatGPT in die Cloud gestellt wurde. Und weitere drei Monate später begann Microsoft damit, die generative künstliche Intelligenz als Copiloten in die eigenen Lösungen einzubauen. Danach erfolgte ein echter Sturmlauf, der bis heute anhält – obwohl sich erste Stimmen melden, die das Ende des Hypes voraussehen. Damit würde nach dem von Gartner entwickelten Hype Cycle die harte Projektarbeit auf dem Boden der Tatsachen beginnen.
Man muss sich das noch einmal vergegenwärtigen: Die gerade zu beobachtende weltweite KI-Revolution hat gerade einmal so viel Zeit in Anspruch genommen wie ein umfassendes Einführungsprojekt für Unternehmenssoftware im Mittelstand. Bis alle Abteilungen vom Einkauf über Verkauf, Produktion und Logistik bis zu den Finanzanwendungen hochindividualisiert umgestellt sind, vergehen auch heute noch bis zu 18 Monate. Kein Wunder, dass Projekte rund um das Enterprise Resource Planning den Ruf haben, Risiken in sich zu bergen, die das gesamte Unternehmen aufs Spiel setzen können. Aber für diese „Bet-the-Company“-Projekte fehlt dem Mittelstand inzwischen ohnehin der Atem.
Aus dem ganz großen Wurf werden Innovationen in Trippelschritten. Auch Europas größtes Softwarehaus, die für ihre ausufernden Großprojekte bekannte SAP, beobachtet im Mittelstand den Trend zu überschaubaren Einzelprojekten: hier ein bisschen KI im Büro, dort ein neues System für das Management von Lieferketten und später noch mal die Einführung eines digitalen Zwillings in der Produktion. Die digitale Transformation in Trippelschritten hat einen beschönigenden Namen: Agility.
Tatsächlich gibt es gute Gründe für den Schwenk auf agile Projekte. Offensichtlich ist dabei die Aussicht auf schnelle Teilerfolge ein Motiv. Überdies zeigt die stürmische Entwicklung der künstlichen Intelligenz, wie schnell die Visionen beim Kickoff während der Dauer eines Großprojekts schon wieder überholt sein können. Darüber hinaus fehlen angesichts des immer stärker werdenden Drucks durch den Mangel an Fachkräften ganz einfach die Ressourcen, um wichtige Spezialisten auf Dauer in Projekten zu binden. Und wie der jüngste KfW-Sonderbericht zur Lage im Mittelstand deutlich macht, fehlt es schlicht am Geld. Der Wunsch nach schnellen Erfolgen triumphiert über das ganz große Bild, die Vision von der umfassenden digitalen Transformation.
Da läuft etwas aus dem Ruder. Während die Anwenderunternehmen ihre Investitionen in die Informationstechnik kleinteilig voranbringen, wenn nicht sogar im großen Stil zurückfahren, überschlagen sich die Tech-Giganten mit immer neuen Vorschlägen für die digitale Zukunft: erst Cloud Computing und Virtualisierung, dann mobile Lösungen für den Außendienst und das Home Office, gefolgt vom Metaversum, in dem virtuelle Realitäten zu mehr Durchblick führen sollen, ehe schließlich neue Erkenntnisse und Effizienz durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz versprochen werden. Es kann nicht überraschen, dass der mittelständische Unternehmer angesichts von wieder anziehender Teuerung durch Lohnerhöhungen und Energiekosten, weiterhin überbordender Bürokratie und stetig sinkenden Auftragszahlen erst einmal den Termin mit dem Software-Betreuer absagt und sich vermeintlich wichtigeren, in jedem Fall aber dringenderen Dingen zuwendet.
Es kann nicht überraschen, dass Mittelstandsstudien je nach Gesinnungslage und Fragestellung einmal den Mittelstand bei der Digitalisierung abgehängt sehen, ein anderes Mal aber als Treiber der Transformation identifizieren. Die Studien hinterfragen selten Größenordnung, Vision und Zielsetzung der Projekte und stützen sich überdies in der Regel auf die Selbsteinschätzung der Entscheider, statt objektive Maßstäbe anzusetzen.
Digitalisierung im Schneckengang ist schließlich auch Digitalisierung. Doch kann man so den Krisenmodus jemals hinter sich lassen? Auch agile Projekte verlangen nach einem digitalen Masterplan, in dem sie in einen größeren Zusammenhang gestellt werden. Bei der Transformation in Trippelschritten ist jedes Einzelprojekt richtig oder falsch, wenn man nicht weiß, wo das Ziel ist. Wenn sich die Innovationszyklen immer weiter verkürzen und gleichzeitig die finanziellen und personellen Ressourcen weiter verengen, bleibt es bei der Transformation in Trippelschritten. Der große Sprung nach vorn, der den Wirtschaftsstandort Deutschland in den internationalen Rankings wieder nach oben spülen könnte, bleibt so leider aus.